Kraftwerk Altenburg

Schonende Energiegewinnung in Altenburg am Neckar
Der Fluß läßt den Strom fließen

Jetzt, wo das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Kraft getreten ist, gewinnt der Strom aus Wasserkraft eine noch größere Bedeutung. Schließlich haben sich die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag aus Gründen des Umwelt- und Klimaschutzes sowie der Versorgungssicherheit in Übereinstimmung mit der Europäischen Union mindestens die Verdopplung des Anteils Erneuerbarer Energieträger an der Energieversorgung bis zum Jahr 2010 zum Ziel gesetzt.
Im Wasserkraftwerk in Altenburg/Neckar hat Diplom-Ingenieur Elmar Reitter die jüngste Entscheidung in Berlin mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.

Das Kraftwerk am Neckar hat während seiner Geschichte schon viel Strom geliefert. Zuerst vor 72 Jahren an die Papierfabrik und Spinnerei Adolff in Reutlingen, die ihren gesamten Energiebedarf durch die Kraft des Neckar sabdecken konnte. Die Leitung führte direkt ins Zentrum von Reutlingen.
Was im Jahr 1928 gebaut wurde, hat bis heute Bestand: Unterhalb von Kirchentellinsfurt wird das Wasser des Neckar über ein 2-feldriges Schützenwehr mit je 16 Meter Breite gestaut und in einem 1,1 Kilometer langen Oberkanal dem Kraftwerk zugeleitet. In den Turbinen des Kraftwerks wird dann die Kraft des Wassers in mechanische Energie umgewandelt, die Generatoren erzeugen Eletrizität. Wenn das Wasser 300 Meter weiter das angestammte Flußbett des Neckars wieder erreicht hat, ist - aufs Jahr bezogen - soviel Elektrizität gewonnen worden, daß 1250 Haushalte im Jahr mit Strom versorgt werden können. Theoretisch sind in Reutlingen also 1250 Stromzähler mit den Generatoren in Altenburg verbunden. Der Fluß läßt den Strom fließen.

Natürlich ist es nicht so einfach und problemlos. Denn seit Bestehen des Kraftwerks sind Jahr für Jahr hohe Unterhaltskosten und Investitionen fällig. Das Jahrhunderthochwasser im Neckartal im Jahr 1978 hat dazu geführt daß der damalige Besitzer mit Millionenaufwand Sachschäden beheben, Dämme erneuern mußte und letztendlich aufgegeben hat.

Als Elmar Reitter im Jahr 1993 das Wasserkraftwerk zusammen mit weiteren Gesellschaftern übernahm, mußten dann erst noch hohe Investitionen getätigt werden. "Das war schon ein Riesenaufwand, es war alles verrottet", erinnert sich Reitter. "Zu dem Kaufpreis kamen nochmals 2 Millionen dazu, für die Sanierung des Kanals, für die Überholung der zwei Francis-Zwillingsturbinen, eine neue Wicklung für die Generatoren, für eine neue Brücke über den Neckar usw. Und ein Fischaufstieg ist in Planung und wird kurzfristig erstellt. Bis zum Jahr 2007 werden insgesamt gut 10 Millionen Mark im Wasserkraftwerk Altenburg investiert sein."

Ganz klar, daß der Diplom-Ingenieur, der mit seinen Mitgesellschaftern außerdem noch ein Wasserkraftwerk in Oferdingen/Neckar und im bayerischen Martinszell betreibt, sehr erfreut ist, daß er durch das Gesetz über die erneuerbaren Energien eine Investitionssicherheit bekommt, die bis zum letzten Jahr noch nicht in dem Maß vorhanden war. Schließlich ist auch die Instandhaltung des WKW mit laufenden Kosten verbunden. 
Da ist zum ersten der Elektromeister, der für die Anlage zuständig ist, der sie wartet und kontrolliert. Keine ständige Aufgabe zwar, aber für diese Arbeit ist Flexibilität erforderlich. "Wer mit der Natur arbeitet, muß beweglich sein und wissen, wann im Kraftwerk die Anwesenheit zwingend notwendig ist. Bei Hochwasser oder Eisgang gibt es alle Hände voll zu tun, um das Werk trotz Treibgut und Eis in Gang zu halten, "erklärt Elmar Reitter. Wenn zum Beispiel Schulklassen zum Anschauungsunterricht kommen - was in letzter Zeit immer öfters der Fall ist - gibt es plastischen Anschauungsunterricht.

Zwei Leute sind neben hausmeisterlichen Tätigkeiten auch das Treibgut zuständig, das den Neckar herabgeschwemmt wird. Im Rechen vor den Turbinen, der ein sicherer Schutz für die Neckar-Fische ist , verfängt sich Laub und Äste, aber natürlich auch Müll wie Flaschen und Plastik, der dann von Hand sortiert werden muß. Mülltrennung eben. Und es kann auch mal vorkommen, daß ein Zigarettenautomat, ein Fahrrad, Reifen oder sogar ein aufgeschweißter Tresor aufgefischt werden muß. Und was jeder weiß: Entsorgung ist nicht billig. Zwar kommen Plastikmüll oder Flaschen zur Wiederverwertung in den gelben Sack oder in den Container, doch der Biomüll muß ins Häckselwerk und da kostet jede Tonne - noch eins drauf bei den laufenden Kosten. Allein der Strom soll günstig sein.

Durch die Einspeisung in das öffentliche Netz erhält Elmar Reitter jetzt etwas mehr als die seitherigen 12,5 Pfennig pro Kilowattstunde: Jetzt werden 15 Pfennig bezahlt für Kraftwerke bis 500 Kw und 13 Pfennig für Kraftwerke über 500 Kw. Immerhin ist das schon wesentlich mehr als die 7 Pfennig, auf das sich die Energiewirtschaft in den 80er Jahren herabgelassen hat. Damals war Strom billig, im Überfluß vorhanden, die Stromversorger mit ihren konventionellen Anlagen und Kernkraftwerken konnten sich - mit Steuergeldern subventioniert - den Markt untereinander aufteilen. Wasserkraftwerker mußten sich unter Anrufung der Gerichte das Recht erstreiten, ihren Strom in die öffentlichen Netze einspeisen zu dürfen.

Jetzt ist es etwas anders: Laut Gesetzesvorgabe ist eine Mobilisierung der sogenannten neuen Erneuerbaren Energien notwendig. Das europaweit gesetzte Ziel, bis zum Jahr 2010 die Stromerzeugung aus Windenergie, aus solarer Strahlungsenergie, aus Biomasse und eben aus Laufwasserkraft zu verdoppeln, soll demnach realisiert werden.

Trotzdem sieht Elmar Reitter noch keine absolut rosigen Zeiten für die Wasserkraft in Deutschland: "Noch immer lehnen staatliche und private Bedenkenträger, also Fachbehörden und Umwelt-Verbände Wasserkraftwerke als "nachhaltige Beeinträchtigungen der Umwelt" ab und folgern daraus die zwangläufige Ablehnung. Und das, obwohl gerade in Kraftwerken wie hier in Altenburg am Neckar alles getan wird, um die Natur zu schonen und mit ihr zu arbeiten statt gegen sie."
Und als Beispiel führt er eine ganze Reihe von Punkten an, die für den Umweltnutzen der Wasserkraft sprechen.

  • hebt und erhält den Grundwasserspiegel
  • erhält und schafft Feuchtbiotope und Auewälder
  • erhält und steigert das Artenvorkommen in der Flußlandschaft
  • keine Emissionen wie gefährliche Gase, Abwärme, Abfälle usw.
  • vermindert den Treibhauseffekt
  • keine Entsorgung von Kernbrennstoffen
  • volkswirtschaftlich wertvoll, unter Ausschluß "sozialer" oder "externer" Folgekosten.

Das sind längst nicht alle Vorteile, die Wasserkraft in sich vereinige, betont Reitter, vor allem der volkswirtschaftliche Wert liegt ihm noch besonders am Herzen. Denn man solle sich, so Reitter vor allem auch einmal die Folgekosten ansehen, die bei einem Wasserkraftwerk wie bei dem in Altenburg vermieden werden können: Wasser - Klima - CO2 - menschliche Gesundheit - Bauschäden usw.

"Bei den regenerativen Energien gibt es diese externen Kosten nicht, da sie absolut umweltfreundlich erzeugt werden, und keine Schadstoffe ausstoßen."

Nicht zuletzt deswegen sei das Gesetz in seiner Formulierung auch ganz eindeutig: "Die sozialen und ökologischen Folgekosten der konventionellen Energieerzeugung werden bislang zum größten Teil nicht von den Betreibern, sondern der Allgemeinheit, den Steuerzahlern und künftigen Generationen getragen. Allein dieser Wettbewerbsvorteil gegenüber der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien, die nur geringe externe Kosten verursacht, wird durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz verringert."

Doch der größteVorteil sei in der Vermeidung der Schadstoffe und in der Schonung der natürlichen Ressourcen zu sehen: Allein in Altenburg würden im Vergleich zur konventionellen, thermischen Stromerzeugung täglich 13 000 kg CO2 sowie zusätzlich 680 kg Asche, 106 kg SO2 und 53 kg NOx vermieden. Dazu würden jeden Tag circa 4000 Liter Rohöl oder knapp 5 Tonnen Kohle geschont, die für wichtigere Dinge gebraucht würden, als allein zum Verbrennen.

Man sieht: der Neckar hat's in sich.

Werner Streckfuß, November 2000

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