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I.
Nach gängiger Meinung wird die Qualität einer Ausleitungsstrecke von
der Menge, also dem Volumen der verbleibenden Rest- oder
Mindestwassermenge bestimmt.
Naturschutz und Fischerei überbieten sich oft in ihren Forderungen
nach höheren Mindestwassermengen. Dabei entsteht mitunter der Eindruck,
dass die Höhe der geforderten Dotierungen weniger an den Bedürfnissen
der Ökologie, sondern in erster Linie an der Zielsetzung orientiert ist, die
Wasserkraftnutzung auszuschließen.
Tatsächlich wird die Qualität einer Ausleitungsstrecke in erster
Linie von deren Struktur, von der Wassertiefe und vor allem von der
Anzahl der vorhandenen oder angebotenen Fischunterstände bestimmt. Wenn
diese Voraussetzungen gegeben sind, dann sind auch geringere
Mindestwassermengen völlig ausreichend.
Die Besiedlungsdichte sowohl der kleinen- wie auch der großen
Mittelgebirgsgewässer wird aber weniger von der Wassermenge, sondern in
erster Linie von der Gewässerstruktur, der Anzahl der Unterstände und
vom Nahrungsangebot bestimmt.
Dies wird durch die in der Folge beschriebene Untersuchung erneut
bestätigt.
So überrascht es immer wieder, dass selbst kleinste, von Quellen
gespeiste Wiesenbäche mit einer Breite von oft nur zwischen 20 und 60 cm
bei Mittelwasserführungen von nur 5 bis 15 l per Sekunde oft größere
und ausgeglichenere Forellenbestände aufweisen, als überwiegend von
Oberflächenwasser gespeiste und um ein vielfaches größere und breitere
Bäche mit 100-facher und größerer Wasserführung.
Der Grund liegt darin, dass der nutzbare Lebensraum der Fische zum
allergeringsten Teil vom Volumen der Wassermenge, sondern in erster Linie
von der Anzahl der vorhandenen Unterstände bestimmt wird.
So wie jeder Mensch eine Wohnung benötigt, benötigen die Fische
unserer Bäche ihren Unterstand, in dem sie vor Beutegreifern geschützt
sind und Deckung haben, in den sie sich zum Ruhen zurückziehen können,
und den sie aber auch als Warte für die Jagd auf antreibende
Nahrung nutzen können.
Natürlich spielt auch das Nahrungsangebot eine bedeutende Rolle,
nichts desto Trotz aber wird auch in nahrungsärmeren Gewässern
(Nordschwarzwald, Odenwald usw.) die Anzahl der Fische eines Gewässers
nahezu ausschließlich von der Anzahl der vorhandenen Unterstände
bestimmt.
Besitzt das Gewässer viele abgedeckte Unterstände in unterspülten
Ufern, ausgespülten Baumwurzeln, unter Steinpackungen, hohlen Felsen oder
festliegendem Altholz, dann gibt es in dem Gewässer in der Regel so
viele Fische, wie Unterstände vorhanden sind.
Ein Gewässer aber, das arm an Unterständen ist und auch keine gras-
oder gestrüppüberwachsene Ufer zur Deckung anbieten kann, wird auch bei
sonst guter Wasserqualität und ausreichender Nahrung in der Regel
fischarm bleiben, wobei es unerheblich ist, wie groß das Volumen des
Wasserdurchflusses ist.
Dass diese Grundsätze auch für die Bewässerung einer ausgeleiteten
Mindestwasserstrecke gelten, belegt das Ergebnis der erfolgreichen
Renaturierung einer 180 m langen Ausleitungsstrecke an der oberen Murg im
Nordschwarzwald im Bereich Baiersbronn-Obertal.
Das dortige Elektrizitätswerk leitet das Wasser der Murg über ein ca.
2,5 m hohes Wehr zum Triebwerk ab. Das abgearbeitete Wasser wird nach
einer Strecke von ca. 180 m wieder in die Murg zurückgeleitet.
Wie die Situation sich vor der Renaturierung der Ausleitungsstrecke
unterhalb des Wehres darstellte, zeigt Bild 1.

Bild 1 Wehr in der Murg in Obertal
Bei Unterschreitung der Ausbauwassermenge des Triebwerkes, also dann,
wenn kein Wehrüberfall mehr stattfand, lag die bis zu 12 m breite
ausgeleitete Flussstrecke auf voller Länge von 180 m nahezu trocken. Nur
das Leckwasser des Wehres mit max. 10 bis 15 l per Sekunde bewässerte,
als dünnes Rinnsal nach dem Tosbecken, das ausgeleitete Flussbett. Die
Mittelwasserführung der Murg beträgt dort ca. 1.800 l/sek, die
Hochwasserspitzen erreichen bis zu 100 cbm/sek. und mehr
(So auch im Sommer 2001, als im September ein sogenanntes
100-jähriges Hochwasser abging).
Der MNQ-Wert liegt bei 375 l per Sekunde, 1/3 MNQ = 125 l/sek.
Das dortige Triebwerk verfügt über ein altes Wasserrecht.
Mit dem Triebwerksbesitzer konnte eine Einigung getroffen werden, dass
auch in Trockenzeiten künftighin immer mindestens 80 l/sek. als
Untergrenze abgegeben werden, dies entspricht einer Menge
von etwas über 1/6 MNQ (= 62,5 l/sek.).
Die Ausleitungsstrecke besteht etwa zu 1/3 aus Kies und
Schotteruntergrund, zu 2/3 aus glatt ausgewaschenem Sandsteinfels.
Zur Renaturierung der Ausleitungsstrecke wurden nunmehr in
entsprechenden Abständen flussaufwärts bogenförmig gestaltete
Granitpackungen mit Steingewichten bis zu 2 Tonnen, ohne irgend- welche
Bindemittel mit dem Schreitbagger versetzt und gegen die Ufer verkeilt.
Der erste Steinriegel wurde so gesetzt, dass der Wasserspiegel im
Wehrgumpen angehoben und die Größe der Wasserfläche mindestens
verdoppelt werden konnte.

Bild 2: Erster bogenförmiger Steinriegel zur Anhebung des
Wasserspiegels und zur Vergrößerung der Wasserfläche unterhalb
des Wehres. Blick auf den in Aktion befindlichen Schreitbagger

Bild 3: Die Steinpackungen werden lose versetzt und
flussaufwärts halbrund verkeilt, der Wasserspiegel wird durch
diese Packung angehoben, trotz Verkeilung bestehen aber genügend
Durchlässe und Hohlräume, die sowohl durchschwommen wie auch als
Unterstände von den Forellen und Saiblingen genutzt werden
können.

Bild 4: Blick flussaufwärts zum Wehr mit den dazwischen
liegenden Steinpackungen, die Über- und Durchströmungen der
Steinlücken täuschen eine höhere Wassermenge vor, als
tatsächlich vorhanden.

Bild 5: Blick flussaufwärts auf die derzeitig unterste
Felspackung, der letzte Gewässerbereich vor der Wiedereinleitung
verläuft über ausgewaschenen Fels (Rotsandstein). – Es ist
geplant, mindestens noch einen weiteren Steinriegel einzubauen.-
Kurz vor der Wiedereinleitung des Triebwassers wurde eine Messstelle
(Bild 6) aus aufgedübelten Lärchenbalken errichtet, die gleichzeitig
im untersten Bereich den Wasserstand anhebt. Die dahinter eingebrachten
Felsbrocken dienen als Fischunterstände und Strömungsbrecher. Wenn der
Wasserspiegel an der Meß- und Überfallstelle in etwa die
Balkenoberkante einhält, werden ca. 80 l per Sekunde abgegeben.

Bild 6 Messstelle
Sowohl die Felspackungen, als auch die den Wasserspiegel hebende
Messstelle haben allen Unkenrufen zum Trotz auch einem sogenannten
Jahrhunderthochwasser standgehalten, das mit einer seit sechs Jahrzehnten
nicht erlebten Flutwelle am 8. September 2001 das obere Murgtal
überschwemmte.
Auf einen Fischbesatz der im Jahre 2000 strukturierten und erstmals
auch in trockenen Zeiten mit mindestens 80 l per Sekunde bewässerten
Mindestwasserstrecke wurde verzichtet, die Strecke sollte durch
natürliche Zuwanderung sowohl flussabwärts, als auch flussaufwärts
besiedelt werden.
Das Ergebnis der elektrischen Befischung im Frühjahr 2001:
Die in Niederwasserzeiten mit nur wenig mehr als 1/6 MNQ bewässerte
Mindestwasserstrecke weist als Ausfluss der geschaffenen Strukturen einen
nahezu gleichen Fischbestand, wie die darunter anschließende, ebenfalls
über ausgeschliffenen Fels verlaufende Vollwasserstrecke auf.

Bild 7 Regenbogenforelle über 42 cm groß aus dem Wehrgumpen
Der jetzt ständig über einen Spalt im Leerschuss bewässerte
Wehrgumpen beherbergt erwartungsgemäß auch größere Forellen bis zu
über 40 cm. Auch Mühlkoppen haben das Habitat erobert.

Bild 8 Eine schöne Mühlkoppe hat in den
Hohlräumen der Steine ihren Unterschlupf gefunden

Bild 9 zeigt die Elektrobefischung im Wehrbereich und die am
Leerschuß eingestellte Mindestwassermenge.

Bild 10 Ein Netz voller Bachforellen aus der mit wenig Restwasser
reaktivierten Ausleitungsstrecke

Bild 11: Wo es Unterstände gibt, ziehen die Bachforellen ein, wie
hier, obwohl das Wasser kurz oberhalb des Wiedereinlaufs des
Triebwerkswassers nur 20 cm tief ist hat eine schöne Bachforelle von
über 35 cm Länge ihren Einstand im Felsspalt des Bodens genommen.
Auch dieser Fang belegt: Nicht die Wassermenge, nicht die Wasserfläche,
sondern nur das Vorhandensein von überdeckten Unterständen entscheidet über
die Besiedlungsdichte.
II. Zusammenfassendes Ergebnis:
Die Bestandsüberprüfung der Restwasserstrecke nach nur einem Jahr im
Vergleich mit der unmittelbar anschließenden Vollwasserstrecke belegt, dass
die über lange Zeit des Jahres mit nur wenig Restwasser von 80 – 90 l/sek.
bewässerte Ausleitungsstrecke als Ausfluss der natürlichen
Zuwanderung/Habitatsbesetzung nahezu die gleiche fischereiliche Bestandsdichte
mit der gleichen Größen- und Altersstruktur, wie die Vollwasserstrecke
aufweist.
Neben der 180 m langen Projektstrecke wurde die anschließende
Vollwasserstrecke von etwa 90 m Länge untersucht (eine längere
Streckenüberprüfung war nicht möglich, da das Fischereirecht dort endet).
Auch die Vollwasserstrecke verläuft dort über ausgeschliffenen
Rotsandstein mit nur beschränkten Unterstandsmöglichkeiten.
Das Fangergebnis sowohl in der Restwasserstrecke, wie auch in der
Vollwasserstrecke bestätigte ebenfalls:
Die Bestandsdichte auch in der Vollwasserstrecke wird nicht von der Größe
der Wasserfläche, sondern einzig und allein von der Anzahl der Unterstände
bestimmt, wobei die Anzahl der Unterstände im ausgeschliffenen
Rotsandsteinbett natürlich beschränkt ist.
Gefangen wurden in der 90 m langen Vollwasserstrecke:
9 Bachforellen 10 – 20 cm
24 Bachforellen 25 – 45 cm
33 Fische insgesamt
Hochgerechnet auf die doppelt so lange Projektstrecke von 180 m
ergeben dies 66 Fische
Anmerkung: Bei der Elektrobefischung können in der Regel nur 60 – 70 %
der Fische erfasst werden, da ein großer Teil der Fische ausweichen, bzw.
fliehen kann.
Renaturierte Ausleitungsstrecke, Länge mit Wehrgumpen ca. 180 m
Gefangen wurden: Im Wehrgumpen, ca. 25 m Flussstrecke
16 Bachforellen 20 – 35 cm
5 Bachsaiblinge 30 – 35 cm
1 Regenbogenforelle bis 45 cm
22 Fische insgesamt 22 Fische
In der restlichen Projektstrecke auf einer Länge von ca. 155 m
Flussstrecke 42 Bachforellen in der Größe von 15 – 40 cm 42
Fische
Insgesamt 64 Bachforellen, Regenbogenforellen und Saiblinge. 64 Fische
Bachsaiblinge:
Unmittelbar in den Wehrbereich mündet ein Quellbach, der nur von einer
sich selbst erhaltenden Population zwergwüchsiger Bachsaiblinge besetzt ist.
Dieser Bach erhält keinen künstlichen Besatz. Es ist anzunehmen, dass die
Zwergformen nach Abwanderung in die Murg zu größeren Exemplaren
heranwachsen.
Die Gegenüberstellung der Bestandsüberprüfung belegt, dass die
Ausleitungsstrecke, die an 150 – 180 Tagen des Jahres nur mit weniger als 5
% der Mittelwasserführung als Restwasser bewässert wird
95 %
des Fischbestandes einer gleichgearteten, aber unbeeinflussten Hauptstrecke
beherbergt.
Auch bei der Bestandskontrolle mittels Elektrobefischung hat sich
bestätigt, dass die Anzahl der vorhandenen, bzw. eingewanderten Fische
ausschließlich und allein von der Anzahl der Unterstände und einer
ausreichenden Wassertiefe bestimmt wird.
Wenn Unterstände, Struktur und Wassertiefe stimmen, dann werden die
Habitate auch bei vergleichsweise geringer Mindestwasserbeschickung, wie im
vorliegenden Falle, in vollem Umfang besiedelt.
Wassertemperaturunterschiede in der Ausleitungsstrecke treten in den
sommerkalten Abflüssen der Mittelgebirge nicht auf und konnten im
vorliegenden Falle auch nicht festgestellt werden. Die Wassertemperaturen
überschreiten selbst an heißen Sommertagen nur sehr selten die Grenze von
12,5° plus.
Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Erfahrungen aus der
Durchführung dieses Projektes bestätigen, dass Mindestwasserregelungen in
der Größenordnung von 1/6 bis 1/3 MNQ völlig ausreichen und sich auch
bewähren.
Werden flankierend oder zusätzlich noch Strukturmaßnahmen, wie im
vorliegenden Falle durchgeführt, dann kann die 1/3 MNQ-Regelung sogar noch
beträchtlich unterschritten werden.
Die Erkenntnis, dass mit weit geringeren Mindestwassermengen als gemeinhin
gefordert, hervorragende Fischhabitate erhalten werden können, ist in
Fachkreisen, die sich mit den Verhältnissen am und im Gewässer nicht nur in
der Theorie beschäftigen nicht neu, sondern eigentlich schon länger bekannt.
Insoweit kann beispielsweise auf Weisser & Ness 1995 Projekt-Nr. 9525
Ökologisches Gutachten zum geplanten Wasserkraftwerk Felsentäler Hof unter
besonderer Bedingungen der Fischfauna verwiesen werden.
Schon damals konnte nachgewiesen werden, dass eine durch natürliche
Gegebenheiten strukturierte steile Ausleitungsstrecke eines kleinen
Wasserkraftwerkes nicht nur einen größeren, sondern auch einen
ausgeglicheneren Forellenbestand ausweist, als die schießende unausgeleitete
Hauptstrecke.
Während dort in der Hauptstrecke der Schollach (Mittlerer Schwarzwald) nur
adulte Forellen nachgewiesen werden konnten, entwickelte sich in der nur mit
wenig Wasser bewässerten Ausleitungsstrecke ein Forellenbestand in
breitgefächerten Altersklassen, einschließlich einem in der Hauptstrecke nur
schwach entwickelten Bestand an Mühlkoppen und Bachneunaugen.
Die Frage, warum diese Tatbestände, obwohl in Fachkreisen bekannt, in der
Diskussion um die Wasserkraftnutzung ignoriert, ja sogar unterdrückt werden,
ist sicherlich leicht zu beantworten:
Die Antwort gibt unter anderem auch die Resolution des Verbandes der
Deutschen Fischereiverwaltungsbeamten und Fischereiwissenschaftler vom
14.09.1996.
Literatur:
- Ökologisches Gutachten zum geplanten Wasserkraftwerk Felsentäler Hof,
unter besonderer Berücksichtigung der Fischfaune (Institut für
Umweltstudien Weisser & Ness 1995)
- Nicht Längsdurchgängigkeit, sondern Seitenaufstieg tut Not, Manfred
Lüttke 1998
- Fische sind keine Kulturflüchter, Wehrbauwerke und Ufermauern fördern
regelmäßig den Fischbestand, Manfred Lüttke 1998
- LAWA-Vorgaben zur Mindestwasserbestimmung sind fischfeindlich und
gewässerökologisch nicht begründbar (Manfred Lüttke und Johannes Prinz
2001)
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