Gebirgsflüsse brauchen keine Durchgängigkeit 

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Gebirgsflüsse brauchen keine Durchgängigkeit

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Manfred Lüttke und Johannes Prinz

Februar 2005

Bachforellen und Saiblinge kommen aus den Bergen
Eigenständige Selbstreproduktion ist nur noch im Quellbereich möglich
Auch in der Urzeit gab es Abstürze und Wasserfälle aber keine Fischaufstiege

Glaubt man den amtlichen Verlautbarungen der Fischerei, die ungeprüft von der Umweltpolitik übernommen werden, dann ist der Rückgang der Fischbestände in den Gewässern hauptsächlich oder allein auf angeblich fehlende Durchgängigkeit zurückzuführen.

Gebetsmühlenhaft wird deshalb in allen von der Amtsfischerei beeinflussten Verlautbarungen der Umweltpolitik und der Gewässerentwicklung die Herstellung der absoluten Durchgängigkeit von der Mündung bis zur Quelle als prioritäre unverzichtbare Zielsetzung zelebriert.

Wollte man der Durchgängigkeitsfraktion Glauben schenken , dann bräche der Fischreichtum der Urzeit in unseren Gewässern wieder über uns herein, wenn nur das Ziel der Durchgängigkeit endlich umgesetzt werden könnte.

Tatsächlich aber wird es in den Flüssen unserer Mittelgebirge auch nach der Herstellung einer totalen Durchgängigkeit - die es auch selbst in der Urzeit nie gegeben hat - nicht einen einzigen Fisch mehr geben.  

Der Grund ist verständlich und einleuchtend:
Der natürliche Bruterfolg in den Fließgewässern ist oberhalb wie unterhalb des Wehres oder des Querbauwerkes gleichermaßen gering. Er tendiert gegen Null.

Selbst wenn eine Bachforelle – oder auch ein Lachs -  im ansonsten versandeten und verschlossenen Lückensystem einen geeigneten Laichplatz gefunden hat, dann wird das Laichgelege in 99 von 100 Fällen bei den immer schneller und steiler ansteigenden Hochwässern im Laufe der Brutperiode mehrfach umgewälzt, so dass abgelegter Laich weggeschwemmt oder von  Kies und Schotter erdrückt wird.

Die Hochwasserflussbette der Mittelgebirgsgewässer waren ursprünglich 5 – 10 mal breiter als heute, mit der Konsequenz, dass ein Hochwasserabfluss in 10-facher Höhe des Mittelwasserabflusses bei Ausbreitung auf das gesamte Hochwasserbett , keine oder nur eine unbedeutend geringfügig erhöhte Schleppkraftwirkung als der normale Abfluss ausübte.  

Unter diesen Voraussetzungen war natürlich auch im Flussbett ein Laicherfolg möglich, wobei es im 5 bis 10 mal breiteren Hochwasserabflussbett immer genügend Seichtstellen und Rinnen gab, in die sich die Brut zum Schutz vor dem Fraßdruck größerer Fische zurückziehen konnte.

Mit der Besiedelung der Talauen und der verstärkten landwirtschaftlichen Nutzung, verbunden mit der Zielsetzung , möglichst jeden Quadratmeter Talfläche als Acker oder Wiese nutzen zu können, wurden die Flussbette aber bis in die Quellregionen begradigt und durch Steinwurf immer weiter eingeengt mit den Folgen, dass ein erfolgreiches Laichgeschäft im Flussbett in aller Regel unmöglich wurde.

Am Beispiel der Murg – Nordschwarzwald - lässt sich dies beeindruckend nachvollziehen:

Einzugsgebiet - Pegel Rotenfels -                                           466 km²
MQ – Mittlere Wasserführung von 1918 bis 2001                      15,6 m³
Dabei werden regelmäßige Hochwasserabflüsse in der 
Größenordnung bis zu                                                                600 m³/sec.
- dem 40-fachen – des Mittelwasserabflusses erreicht. 
Gleichzeitig treten aber immer wieder Niederwasserabflüsse 
in Trockenperioden in der Größe von                                        1 bis 3 m³/sec. 
auf.

Es gibt historische Bilder und Stiche, aus denen ersichtlich ist, dass das Flussbett der Murg die gesamte Breite der Tallage einnahm. Später hat dann der Mensch um Lebensraum zu gewinnen, das Flussbett immer weiter eingeengt, so wie sich dieses im Zuge vieler Korrekturmaßnahmen heute darstellt.

Selbst wenn in Einzelfällen  in einem versandeten, bereichsweise auch verschlammten Fließgewässer dennoch ein Bruterfolg eintritt, dann hat ein Brütling dennoch keine Überlebenschance selbst wenn er die Hochwasserfluten erfolgreich überstanden hat.

Er wird dann in 99 von 100 Fällen Opfer seiner eigenen größeren  Artgenossen, bzw. der im Übermaß von Fischpächtern und Fischereivereinen meistens sogar fangreif eingesetzten Zucht- bzw. Regenbogenforellen, die sich bekanntlich gierig auf alles stürzen, was sich im Gewässer bewegt und deshalb auch jeden Brütling oder Jungfisch ganz schnell vertilgen, der sich im Freiwasser des Flusses bewegen sollte.

Auch in den Seitengewässern der Gebirgsflüsse stellt sich die Situation nicht besser dar, wobei ein Aufstieg in die Seitengewässer in aller Regel ohnehin ausgeschlossen und unmöglich ist, weil diese verrohrt oder verdohlt wurden und nicht erwandert werden können.

Die vielfach mit hohem Aufwand und gewaltigen Kosten Kraftwerksbetreibern auferlegte Herstellung der Durchgängigkeit kosten in der Regel sehr viel Geld, das aber meistens nutzlos verbraten wird und an anderer Stelle zur Herstellung von Laichmöglichkeiten in Wiesen- und Quellgräben effizienter und vernünftiger angelegt werden könnte. Eine natürliche Reproduktion unserer Kieslaicher im Hauptgewässer ist daher nahezu ausgeschlossen. Anders stellt sich die Situation nur dort dar, wo das Hauptgewässer sich in Wiesengräben verzweigt oder sich über die gesamte Tallandschaft ausbreitet. Solche Gewässer gibt es aber in unserer Kulturlandschaft nicht mehr. Selbst dort, wo noch keine Kläranlagen einmünden, finden sich in unseren Bergflüssen auch im Oberlauf nur in Ausnahmefällen Brut- oder Jungfische bzw. Fische in der Größe von etwa 3 bis 10 cm Länge. Die Untersuchungen an der Oberen Murg zwischen Obertal und Mitteltal im Spätsommer 2004 haben diesen Tatbestand erneut bestätigt. 

Bild  1
Murg zwischen Obertal und Mitteltal

Bild 2 
Der Elektrofischer prüft den Bestand im Flussbett der Murg

Bild 3
Eine schöne Bachforelle
 

Die Murg entwässert Teile des Nordschwarzwaldes. Das Wasser stammt aus weitgehend verfichteten Waldregionen auf Rotsandstein und neigt daher zur Versauerung.

Mit der Aufgabe der früheren Beweidung und der Grünlandwirtschaft ging die Aufforstung mit Nadelholz einher. Die dadurch reduzierte Düngung und Schwächung der Pufferung, verbunden mit einer Verstärkung des sauren Regens, trug zu einer erheblichen Versauerung des Gewässers bei.  

Dennoch ist die Obere Murg relativ gesehen auch heute noch ein hervorragendes Salmonidengewässer mit nur geringer Abwasserbelastung. Allerdings erreichen die Fische heute im Durchschnitt nicht mehr die Körpergröße wie vor 60 Jahren.

Bild 4
Wunderschöne Bachforellen aus der oberen Murg bis 35 cm im Netz

Bild 5 
Bachforellen von 15 bis 35 cm Länge im Eimer

Wo aber sind die Brut- und Sömmerlinge in der Größe von 3 bis 10 cm?  

Gäbe es vielleicht Brut- und Sömmerlinge, wenn die Bachforellen von Forbach auf ca. NN 300 m bis zur Oberen Murg auf NN 650 bis 700 m aufsteigen könnten?  

Mit Sicherheit nicht, denn auch im Oberlauf gibt es  jede Menge laichfähiger Forellen und da Bachforellen ausgeprägt standortbewusst ihre Reviere verteidigen würde niemals – selbst wenn sie dies könnte – eine Bachforelle aus Forbach oder Schönmünzach auch nur die allergeringste Lust verspüren, ihr angestammtes Revier zu verlassen um 20 oder 30 Kilometer flussaufwärts zu wandern.  

Dies umso weniger, weil das Revier eines Fisches – also ein Unterstand – sofort vom nächst größeren Fisch eingenommen wird, wenn der Revierinhaber seinen Unterstand/sein Haus verlässt.  

Auch eine Forelle muss sich ihren Unterstand und ihr Jagdrevier gegen viele Konkurrenten erkämpfen und dieses Revier ständig verteidigen. Sie verlässt ihr Regier nur zur Jagd. Sie scheut auch unnötigen Kräfteaufwand und zieht deshalb, wenn sie laichen will, nur so weit außerhalb ihres Unterstandes weg bis sie ein geeignetes Laichsubstrat findet.  

Hat sie abgelaicht kehrt sie schnellstmöglich in ihren alten Unterstand zurück um jeder Konkurrenz zuvorzukommen. 

Woran liegt es also nunmehr, dass keine Brütlinge und keine Kleinforellen in der Oberen Murg nachzuweisen sind?

An der fehlenden Durchgängigkeit kann es nicht liegen, denn Gebirgsflüsse sind nicht durchgängig und waren auch in grauer Vorzeit nie durchgängig. Auch nicht in Zeiten als die Gewässer noch ein Vielfaches der heutigen Fischbestände aufwiesen.  

Natürliche Barrieren, Wasserfälle und Felsabstürze verhindern in fast allen Gebirgsgewässern die Durchwanderbarkeit
Beispiel: Allerheiligen-Wasserfälle am Lierbach unterhalb des Klosters Allerheiligen. Der Lierbach mündet bei Oppenau in die Rench
 

In einer Kette bis zu 30 m hohen Wasserfällen stürzt sich der Lierbach in einer wild romantischen Schlucht unterhalb des Klosters Allerheiligen in die Tiefe.

Bild 6
Ca. 20 m tief stürzt hier der Lierbach teilweise senkrecht in die Tiefe um nach einem Gumpen in den nächsten Absturz überzugehen. 

Wäre die Theorie der Durchgängigkeitsapostel richtig, dann dürfte es oberhalb der Lierbach-Wasserfälle keine Forellen geben.  

Das Gegenteil aber ist richtig.  

Auch für die Mönche im frühen Mittelalter, die die Abgeschiedenheit der Berge und der Wälder suchten, war Voraussetzung, dass der Standort für die Überbrückung der Fastenzeit auch an einem guten Fischgewässer lag.  

Diese Voraussetzung bot der Lierbach als hervorragendes Forellengewässer, obwohl die Fische der Rench und des Lierbachs von Oppenau natürlich niemals nach Allerheiligen den Wasserfall hochschwimmen konnten ( sie wollten dies auch nie ).

Bild 7
Ruinen der ehemaligen Prämonstratenser -Abtei Allerheiligen am Lierbach im Talkessel oberhalb der Wasserfälle

Auch heute noch ist der Lierbach ein schönes Forellenwasser, wenngleich die Fischunterstands fördernden Schwellen, Abstürze und Querbauwerke der Mönche weitgehend durch unterlassene Unterhaltung des Staatsforstes weggeschwemmt wurden. 
Es ist der alte Jammer, sind erst einmal die alten Querbauwerke und Schwellen mit ihren Unterständen weg, dann gibt es weniger oder gar keine Forellen mehr.  

Wo sind jetzt aber die Brütlinge und Jungforellen, ohne die die Populationen doch zwangsläufig aussterben würden?  

Befinden sie sich in den kleineren Seitenzuläufen der Murg?    

Untersuchen wir doch einmal den Buhlbach  

Der Buhlbach entspringt dem Buhlbachsee. Nach ca. 4,5 km Lauf mündet er in die Rechtmurg, die zusammen mit der Rotmurg die Murg bilden.  

Probefischen auf halbem Lauf im Waldtal im Bereich von drei hohlen Bäumen

Der Buhlbach führt dort bei Mittelwasser 300 bis 400 l/sec. in Niederwasserzeiten nur 40 bis 50 l/sec.  

Die Bachbreite schwankt zwischen 2 und 4 m.

Bild 8
Buhlbach im Bereich einiger ausgeschwemmter Bäume

Unter dem hohlen Ufer haben ca. 15 Forellen ihren Unterstand. Der Chef ist eine Bachforelle von 40 cm und etwas über 1 kg Gewicht

Bild 9
Wunderschöne Bachforelle aus dem Buhlbach , die größte Forelle steht an erster Stelle des unterspülten Ufers

Bild 10
Ca. 15 Bachforellen in der Größe von ca. 12 bis 28 cm haben unter dem hohlen Ufer ihren Einstand 

Aber auch in diesem Bereich des kleinen Baches sind weder im Aus- noch im Einlaufbereich aber auch nicht in den seichten strömenden Strecken Brütlinge oder Jungfische in der Größe von 3 bis 10 cm zu finden.  

Wo sind nunmehr die Brütlinge und die Jungfische? Sind sie vielleicht in der Rotmurg, dem zweiten Quellfluss der Murg?  

Also wurde die Rotmurg befischt am Ortseingang unterhalb der Betonwand der Landesstraße

Die linke Flussbegrenzung – bestehend aus einer Betonwand mit einem überkragenden Dach  – ist zwar nicht schön. Der Flussgrund ist aber stark gegliedert und bietet mithin hervorragende Unterstände.

Bild 11
Rotmurg, Ortseingang Obertal, entlang der Betonwand der Bundesstraße, stark gegliedert, viele Unterstände
 

Auch hier das gleiche Bild. Auf einer Strecke von ca. 50 m über 30 adulte Forellen in der Größe von 22 bis 30 cm aber keine Brut- und Jungfische. 

Bild 12 
Ein dicker Kescher voll wunderschöner fangfähiger Bachforellen aber keine Brut- und Jungfische
 

Der nächste Versuch einige Meter oberhalb am Auslauf eines Quellzuflusses fördert nur eine schöne Bachforelle von ca. 28 cm aber keine Jungforellen zutage.

Bild 13
Überwachsener Gumpen unterhalb einem Quellzufluss gibt einer schönen Bachforelle Lebensraum aber von Brütlingen oder Jungfischen auch in seichten Bereichen keine Spur 

Es muss hinzugefügt werden, dass der Verfasser als Fischereirechtsinhaber seit vielen Jahren schon im Hinblick auf die eigene extensive Befischung keinen Besatz mit Zuchtfischen mehr vornimmt. Die 45-jährige eigene Erfahrung hat gezeigt, dass der von den Fischereibehörden geforderte Besatz mit Brütlingen und Sömmerlingen nutzlos ist , da dieser entweder von den größeren Forellen gefressen oder vom Hochwasser weggeschwemmt wird.  

Künstlicher Fischbesatz aus der Zucht dient meistens nicht der Ökologie des Gewässers, sondern nur der fischereilichen Kreislaufwirtschaft und dem Fangtrieb der Fischer, die die Fische in der Regel  im gleichen Jahr sofort wieder herauszufischen.
Der Versuch der organisierten Fischerei, sich unter Hinweis auf tonnenweise getätigten Fischbesatz als „Naturschützer“ zu profilieren, ist also völlig verfehlt da Zuchtbesatz nur in Ausnahmefällen, z. B. nach Fischsterben, im begrenzten Umfang ökologisch sinnvoll sein kann und sich ansonsten eher schädlich auswirkt da die „dänische Einheitsforelle“, wie diese heutzutage im Handel ist, allenfalls den einheimischen Populationen Nahrung und Lebensraum wegnimmt und deren Existenz weiter an den Rand drängt.  

Aber wo sind sie nun, die selbst reproduzierten Brütlinge, die Jungfische und die Sömmerlinge?  

Sehen wir doch einmal in einem noch kleineren Zufluss nach, dem Aiterbächle.  

Das Aiterbächle
Ein ca. 2 km langer Quellbach, der aus einem steilen, engen Seitental aus Quellzuflüssen kommt.  

Wie alle kleinen Bachzuflüsse in den Mittelgebirgen wurde der Einlauf in die Murg unter der Landesstraße auf eine Länge von ca. 40 m durch Schleuderbetonrohre mit eingebautem Absturz verrohrt und verdohlt. Ein Einwandern oder Aufsteigen von der Murg durch diese verrohrte Schussrinne ist natürlich nicht möglich. Am Absturz gibt es auch keinen Sprungkolk.

Bild 14
Vom Straßenbau verdohltes Aiterbächle. Ein Rückbau ist fast unmöglich.

Bild 15
Das Aiterbächle – bei Mittelwasserführung ca. 30 bis 40 l Wasser/sec. Rechts und links Gärten und Wiesen, mit Sandsteinen eingefasste und befestigte Ufer
 

Aber auch hier keine Spur von Brütlingen oder Sömmerlingen. Nur adulte Forellen zwischen 18 bis 25 cm sind in erstaunlicher Bestandsdichte vorhanden.

Bild 16 
Das Kleingewässer Aiterbach besitzt einen hervorragenden Forellenbestand

Endlich Brütlinge, ganz oben im Bergwald, auf einer Höhe von 700 m.  

Das Aiterbächle führt im Frühsommer dort nur noch etwa 10 – 15  l  Wasser/sec. Da sind Brütlinge, jede Menge, und da sind Sömmerlinge.  

Bei den Laichforellen handelt es sich unübersehbar um Fische, die nur eine Größe von im Mittel 12 bis 16 cm aufweisen. Früher nannte man in der Literatur diese Forellen „Steinforellen“.  

In den seichten, oft nur Zentimeter tiefen Rinnen des Quellbaches aber wimmelt es nur so von Brütlingen. Diese sind gut im blauen Eimer erkennbar. Auf kurzer Gerinnestrecke konnten über 30 Brütlinge nachgewiesen werden.

Bild 17
Kontrollbefischung im Quellbereich des Aiterbächles

Bild 18
„Steinforellen“ 12 bis 16 cm groß im Quellverlauf des Aiterbächles 

Bild 19
Viele Brütlinge aus der letzten Laichsaison im seichten Gerinne des Aiterbächles

Rotmurgquelle

Auch die Rotmurgquelle ist voller Brutfische und Sömmerlinge
Obwohl der Quellbereich der Rotmurg durch mehrere meterhohe Abstürze vom Oberlauf des Gewässers abgetrennt ist entwickeln sich dort im seichten Bereich ebenfalls hervorragende Bestände an natürlich reproduzierten Brütlingen/Sömmerlingen.  

Im Sommer geht auch dort die Wasserführung bis auf wenige Liter/sec. zurück. Dies zwingt größere Forellen dazu, ihren ausgeschwemmten Gumpen nicht zu verlassen, wohingegen Brütlinge im seichten Flachwassergerinne sich ungestört vom Fraßdruck der größeren Forellen entwickeln können.  

Der Quellbereich der Rotmurg ist durch zwei flussaufwärts unüberwindbare Abstürze vom eigentlichen Fließgewässer abgetrennt.

Bild 20
Ca. 1,20 m hoher Absturz mit Holzbohlen verkleidet

Bild 21
Ca. 1,50 m hoher Sandsteintreppenabsturz

Man sieht an dem dünnen Wasserfaden, dass nur noch weniger Liter Wasser/sec. abfließen 

Bild 22 
Rotmurgquellbereich – überwiegend Seichtstrecken mit wenigen tiefen Auswaschungen

Bild 23
Adulte Bachforelle aus dem Quellbereich der Rotmurg

Bild 24 
Sömmerlinge im Spätsommer 2004 aus der Brutperiode 2002/2003 in der Größe von 7 bis 9 cm

Die wenigen noch intakten und zur Reproduktion geeigneten Quellbereiche reichen allein nicht aus um unsere Bäche wieder aus eigenständiger Reproduktion besiedeln zu können.  

Um von dem ineffizienten Besatz mit der genfremden dänischen Einheitszuchtforelle wegzukommen bedarf es zusätzlicher, vor allem effizienterer Maßnahmen als sich auf die Umsetzung der phantasielosen und wenig erfolgreichen Durchgängigkeitstheorie zu verlassen.  

Die Bachbegradigung, die Drainage und die Abschneidung der Verzweigungen beginnt bereits im Quellbereich der Bergbäche. Wo immer dies möglich ist sollten Hochwasser reduzierte Ausleitungen und Bachverzweigungen vergleichbar der Funktion der verzweigten Altwässer bei den Flachlandflüssen hergestellt werden.  

Zum Vergleich:
Auch im begradigten und kanalisierten Rhein gibt es praktisch keine natürliche Vermehrung. Längst hat man erkannt, dass nur noch die Reaktivierung der vorhandenen Altwässer etwas zur Verbesserung der verloren gegangenen Selbstreproduktion der Fischarten beitragen kann.  

Das, was bei den Flachlandflüssen Altwässer und Nebenarme sind, das sind bei den Bergbächen Bachverzweigungen sowie Quell- und Wiesengräben.  

Wiesengräben und Bachverzweigungen sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine natürliche Reproduktion  

Bei der Neuanlage von Bachverzweigungen wird man natürlich auf Durchgängigkeit achten. Quell- und Wiesengräben hingegen sind in den allerseltensten Fällen durchwanderbar oder durchgängig. Sie funktionieren trotzdem als hervorragendes Nachschubhabitat, da sich in den Wiesengräben immer einige wenige adulte Laichforellen aufhalten können, deren Laich sich in den seichten Gerinnestrecken ungestört von Fressfeinden entwickeln kann um dann größer werdend ins Hauptgewässer abzuwandern.  

Im Bereich der Recht- und vor allem der Rotmurg wurde eine größere Anzahl von Bachverzweigungen mit Genehmigung der Forstverwaltung und des Landratsamtes neu gebaut, so dass sich bereichsweise die Rotmurg über den Talgrund in mehreren Armen ausbreiten kann.  

Die Verzweigung müssen aber  hochwasserfrei bleiben oder zumindest nur Teile der Dynamik vielleicht bis maximal 1:5 erhalten , wohingegen das Hauptgewässer Hochwasserabflüsse bis zur hundertfachen Mittelwasserführung ableiten muss, was dazu führt, dass im Hauptgewässer abgelegter Laich nahezu generell immer untergeht, weggeschwemmt oder zerrieben wird.  

Künstlich gebaut wurden beispielsweise in der oberen Rotmurg die Ausleitungsgerinne Jägerhaus und Teufelsmühle in Längen von 100 bis 200 m.  

Der Einlaufbereich wird hierbei mit im Abstand gesetzten tonnenschweren Steinen abgeschirmt, so dass das Wasser aus dem Hauptabfluss nur durch die Steinabstände eindringen kann.  

Das Ziel der Hochwassereindämmung wird erreicht. Allerdings muss der Einlaufbereich nach jedem größeren Hochwasser wieder ausgebaggert werden.

Bild 25
Einlaufbereich zum Verzweigungsgerinne, Hochwasser abgedämmt durch tonnenschwere Granitsteine im Abstand versetzt 

Bild 26
Nach mehreren Jahren ist das Gerinne wunderschön eingewachsen, hält gutes Laichsubstrat vor und bietet Brütlingen Unterschlupf

Bild 27
Das Gerinne hat sich seinen Weg unter einem eingewachsenen alten Baumstumpf gesucht. Die Brütlinge ziehen sich gerne in diese Deckung zurück
.

Bild 28
Elektrofischer im Gerinne mit Zählgehilfin

Bild 28
Sömmerlinge im Jahre 2004, herangewachsen aus Naturbrütlingen der Periode 2002/2003

Bild 29
Natursömmerlinge zusammen mit einer 20 cm großen Bachforelle, die den Graben als Unterschlupf oder zum Ablaichen aufgesucht hat

Pro Meter Verzweigungsgraben konnte im zweiten Jahr etwa jeweils ein selbst reproduzierter Jährling nachgewiesen werden.  

Die Ergebnisse in den übrigen künstlich angelegten Verzweigungsgräben sind ähnlich. Adulte laichbereite Fische ziehen vom Einlauf her alljährlich in ausreichender Zahl für das Laichgeschäft in diese Verzweigungsgräben ein.  

Zum Schutz der Brütlinge und Sömmerlinge ist es sinnvoll, zurückgebliebene Laichforellen ins Hauptgewässer umzusetzen. Durch geeignete Maßnahmen kann  die Selbstreproduktion in vielen Gebieten wieder hergestellt werden, regelmäßige Pflegemaßnahmen wie Räumung der Einläufe und regelmässige Kontrollbefischungen sind aber unerlässlich, solange wir in einer Kulturlandschaft leben, die erhalten werden muss.  

Wiesenwässerungs- und Drainagegraben
Ein hervorragendes Bruthabitat ohne Aufstiegshilfe vom Talbach Rechtmurg
 

Von kleinen Quellen, Sickerwasser und Drainage gespeiste Wiesenentwässerungsgräben stellen hervorragende Bruthabitate dar, vorausgesetzt sie werden offen gehalten, dann und wann ausgehackt/gereinigt und nicht verfüllt oder verrohrt. Pflege bedeutet Laicherfolg.

Bild 30
Wiesendrainagegraben in Obertal
 

Der Verfasser und der Elektrofischer als Mitautor sind auf das Ergebnis gespannt. 

Bild 31
Zum großen Erstaunen: Eine ganze Reihe adulter laichfähiger Forellen bis 28 cm Länge bevölkert den Minigraben

Die größten Forellen werden entnommen und zum Schutz der Brütlinge in die Rechtmurg umgesetzt
.

Bild 33
Im Drainagegraben kann sich eine große Anzahl von Brütlingen, ca. 3 cm Länge, und von Sömmerlingen, 5 bis 7 cm Länge, halten und entwickeln.

Natürlich stellt sich die Frage, wie derartige Gräben, die vom Hauptgewässer aus nicht erreichbar sind, besiedelt wurden.  

Es kann nur darüber spekuliert werden, ob es die berühmten Enten sind, die in solche Gräben Fischlaich einschleppen oder ob die Bachforellen bei irgendeinem Hochwasser eingeschwemmt wurden oder aktiv eingewandert sind.  

Jedenfalls macht es Sinn, derartige Gräben, wenn sie fischverträgliches Wasser führen, zu hegen und zu pflegen und gfs. auch erstmalig Brutfische einzusetzen.  

Im vorliegenden Falle aber sind Besatzmaßnahmen nicht mehr notwendig, wenn solche Gräben erst einmal durch ein Laichforellenpaar irgendwann einmal erobert bzw. besiedelt wurde, dann pflanzt die Population sich fort.  

Mönchsgrundbach
Nach Umbau und Verlängerung ein hervorragender Brutbach für die Selbstreproduktion
 

Der Mönchsgrundbach, ein linksseitiger Quellzufluss der Rechtmurg im Bereich Jägerhaus, mit ca. 40 40– 50 l / sec. Mittelwasserführung stürzte sich seit Menschengedenken steil in die Rotmurg. Ein Aufstieg war nicht möglich. Dennoch gab es immer in der Schlucht einige wenige Gumpen, die von Bachforellen besiedelt waren.  

Im Einvernehmen mit dem Staatsforst wurde der steile Absturz beseitigt und der Bach ca. 250 m lang parallel zur Rotmurg in ein neu gegrabenes Bett umgeleitet und erhielt dann einen aufstiegsfähigen Anschluss zum Hauptgewässer.  

Die Umleitung erfolgte im Jahre 2001. Der Fischaufstieg wurde aber weder im Herbst 2002 noch im Jahre 2003 angenommen.  

Im Jahre 2003 waren einige adulte Forellen in die Kaskaden des Fischaufstieges aufgestiegen.  

Bei der erneuten Befischung im Sommer 2004 aber die große Überraschung:  

In jedem kleinen Abschnitt der Neubaustrecke, die schön zugewachsen war, befanden sich 2 bis 4 Sömmerlinge aus der Brutperiode 2002/2003, die jetzt eine Größe von 7 bis 9 cm erreicht hatten.  

Die Jungforellen sind also nicht den traditionell anzunehmenden Weg von unten nach oben eingewandert, sondern umgekehrt: Sie kamen aus noch höheren Quellbereichen bei höherer Wasserführung bachabwärts.  

Schon seit uralten Zeiten gilt die Fischerweisheit :
„Die Fische kommen mit dem Hochwasser !“
 

Die Probebefischung im Jahr 2004 ergab, dass der Mönchsgrundbach bis in eine Höhe von über 800 m weit in den Berg hinein jeweils in ausgeschwemmten Stellen eine Bachforellenbesiedlung aufweist, deren erfolgreiches Laichgeschäft sich im Jahre 2004 in einer Fülle bachabwärts wandernder Sömmerlinge offenbarte.

Bild 34
Der neu gebaute verlängerte, wunderbar eingewachsene Mönchsgrundbach bei der elektrischen Befischung im Jahre 2004.
Was wie ein Urgewässer aussieht, ist ein von Menschen geschaffener Naturbach aus zweiter Hand.

Bild 35
7 bis 10 cm lange Sömmerlinge des Mönchsgrundbaches, die den neu gebauten Bachlauf von oben nach unten, also bachabwärts besiedelt haben

Bild 35 
Neu gebauter Fischaufstieg zum ebenfalls neu gebauten bzw. verlängerten Mönchsgrundbach

Die Besiedelung von unten nach oben geht nur sehr langsam voran. Auch im dritten Jahr nach der Herstellung wurde erst die letzte Auskolkung vor der obersten Stufe (im Bild unterhalb des Beobachters) von einer etwa 20 cm großen Forelle erwandert und als Lebensraum besiedelt.

Der obere Bereich des ca. 200 m langen neu gebauten Wildbaches wurde im dritten Jahr entgegen aller herkömmlicher Theorie nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten – also von den Bergen her – durch zu Sömmerlingen herangewachsenen Naturbrütlingen besiedelt.  

Zusammenfassend kann festgestellt werden:
Eine Selbstreproduktion von Bachforellen erfolgt überwiegend, vermutlich sogar ausschließlich durch Brütlinge und Sömmerlinge im Quellbereich der Bäche, in kleinsten Zuflüssen, dort wo die Brütlinge im nur zentimetertiefen Wasser vor den Nachstellungen größerer Fische sicher sind und wo gleichzeitig Fischräuber, wie Reiher, nicht beikommen, weil die Gewässer zugewachsen oder unzugänglich sind.

In tieferen Lagen kann eine erfolgreiche Selbstreproduktion auch in Wiesen- und Quellgräben aber auch in weitgehend Hochwasser geschützten Bachverzweigungen erfolgen bzw. durch Neubauten oder Öffnung verrohrter Graben ermöglicht werden.  

Im Fließgewässer selbst aber bleibt der Laichvorgang – wenn er denn stattfindet – weitgehend erfolglos, weil abgelegter Laich entweder im Sand oder Schlamm des Substrates der Gewässersohle erstickt oder durch die immer schneller und steiler ansteigenden Hochwässer erdrückt und weggeschwemmt wird.  Siehe Lüttke/Prinz „Immer schneller und steiler ansteigende Hochwasserspitzen“  

Eventuell dennoch geschlüpfte Brut hat trotzdem keine Überlebenschancen.
Sie wird von größeren Artgenossen gefressen, weil auch die unberührt scheinenden Gewässer begradigt sind und weder Schutz- und Ruhezonen noch Seitenarme, Verzweigungen oder geeignete Seichtbereiche besitzen, in denen geschlüpfte Brut vor Hochwasser oder Fraßfeinden Zuflucht finden könnte.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Herstellung der totalen Durchgängigkeit in unseren Gebirgsgewässern in der Regel nur Kosten verursacht aber keinerlei positive Wirkung auf den Fischbestand bewirkt.

Die hohen Aufwendungen für die Herstellung der geforderten Durchgängigkeit tragen fischereiökologisch keine Zinsen. Es wäre sinnvoller, diese Mittel für die Wiederherstellung/Öffnung von Quell- und Wiesengräben und hochwasserfreien Bachverzweigungen herzustellen, in denen tatsächlich dann ein erfolgreiches natürliches Brutgeschäft möglich wäre.  

Periodische Wiesenüberschwemmung im Frühjahr
Völlig in Vergessenheit geraten ist auch der Tatbestand, dass die früher regelmäßig natürlich aufgetretenen Frühjahrsüberschwemmungen Grundvoraussetzung waren um eine natürliche Vermehrung der Graslaicher, wie Zander, Hecht, Barsch und vieler Cypriniden sicherzustellen. Diesen Fischarten nutzt die Gebetsmühlenhaft verlangte Durchgängigkeit überhaupt nichts, gerade die Raubfischbestände werden heute überwiegend durch Besatzmaßnahmen von Fischen mit Fangmaß erhalten. Obwohl die Landwirtschaft in vielen Bereichen extensiv betrieben wird, so dass Wiesenüberschwemmungen ohne weiteres wieder realisierbar wären, sind keinerlei Bestrebungen weder der Amts- noch der Privatfischerei bekannt zur Förderung eines natürlichen selbstreproduzierenden Brutaufkommens, zumindestens bereichsweise periodische Wiesenüberschwemmungen zu fordern oder zu veranlassen. Die Aktivität der Fischerei beschränkt sich bedauerlicherweise immer mehr darauf, im Endergebnis nutz-und zwecklose Fischaufstiegs-und Abstiegsanlagen zu fordern, wobei die Wasserkraftnutzung zu unrecht als Schuldiger für den Rückgang der Fischbestände vorgeführt wird. Eigeninitiative zur Umsetzung von Verbesserungsmaßnahmen wie in diesem Bericht geschildert, sucht man vergebens.  

Auch die Mittel, die alljährlich für den Besatz mit genfremden Zuchtfischen lediglich zur Bereicherung der Kochtopffischerei ausgegeben werden, wären fischereiökologisch sinnvoller und besser für die Schaffung und Verbesserung der Laichmöglichkeiten einzusetzen.  

Wenn dann der Öffentlichkeit vorgegaukelt wird , der tonnenweise Besatz mit oft fangreifen Besatzfischen diene dem Naturschutz , obwohl diese Maßnahmen nur der Kochtopffischerei dienen, dann bedarf dieses Verhalten eigentlich keines Kommentares mehr.
 

25 Millionen Freizeitangler in der Europäischen Union  

Gemäß der Verlautbarung einer namhaften Anglerzeitschrift schwingen in der Eurooäischen Gemeinschaft 25 Millionen Freizeitfischer ihre Angelruten.  

Die meisten dieser Angler sind in irgend einem Verein organisiert und wollen für die Gebühr, die sie bezahlen auch ihren Fangkorb / Kochtopf füllen.  

Dass diese Zielsetzung sich nicht mit aktivem Natur- und Artenschutz vereinbaren lässt, ist einleuchtend.  

Dass der Fischer des Fisches schlimmster Feind ist , kann nicht bezweifelt werden, nur dieser trachtet den Fischen nach dem Leben.
 

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